|
Demurrage, ein gutes Modell der Vergangenheit auf die Gegenwart übertragen
|
|
10-17-2011, 01:40 PM
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10-17-2011 11:15 PM von Manfred Gotthalmseder.)
Beitrag #1
|
|||
|
|||
|
Demurrage, ein gutes Modell der Vergangenheit auf die Gegenwart übertragen
Dr. Berger, eines unserer Mitglieder, beschreibt in seinen neuen Ausführungen, den ursprünglichen Umgang mit Geld aus einer Zeit, in der es nachhaltig funktioniert hat:
"Im frühen Mitteleuropa, etwa von 1150 bis 1450 hat es in ganz Mitteleuropa dieses fließende Geld gegeben, das ich propagiere. Die Münzen der damaligen Zeit – sie hießen Brakteaten – waren aus dünnem Blech, dem das Konterfei des jeweiligen Fürsten und die Jahreszahl ihrer Gültigkeit aufgeprägt waren. Am Ende des Jahres mussten sie gegen die im neuen Jahr gültigen Münzen umgetauscht werden. Bei diesem Umtausch behielt der Herrscher zwanzig Prozent ein. Das war die einzige Steuer, mit der er den Staatshaushalt finanzierte, Schlösser baute, Bedienstete bezahlte und das Militär unterhielt. Die reichen mittelständischen Unternehmer dieser Zeit waren Handwerksmeister, und sie waren wenig geneigt, mit dem „Schlagsatz“ (so hieß das damals, was wir heute Demurrage nennen) das Luxusleben ihres Herrschers zu finanzieren. Und so investierten sie ihr Geld in ihr eigenes Luxusleben: prachtvolle Fachwerkhäuser, die wir heute noch in unseren mittelalterlichen Städten bewundern können. Nach der Bauzeit für ein solches Haus (ich schätze, es waren um die zehn Jahre) haben sie weiter viel Geld verdient, mit dem sie den Fürsten nicht unterstützen wollten. Was konnten sie damit anfangen? Mietshäuser gab es damals nicht, nur Häuser für den eigenen Bedarf. Und so spendeten sie es der Kirche, in der Erwartung nicht nur hier auf Erden, sondern auch hernach im Himmel alles für die Seligkeit getan zu haben. Die Kirche wurde reich und baute mit diesem Reichtum die eindrucksvollen Dome und Kathedralen, die wir an vielen Orten in Mitteleuropa bestaunen können. In diesen drei Jahrhunderten sind aus ärmlichen Fischerdörfern rund um die Nord- und Ostsee reiche Hansestädte geworden. Und es waren dreihundert Jahre ohne Krieg. Der Geschichtsunterricht zu meiner Schulzeit hat diese friedlichen Jahrhunderte übersprungen. Da ist nichts passiert und Geschichtsunterricht war Kriegsberichterstattung. Nun könnten wir meinen, die Menschen müssten sich kaputt gearbeitet haben, um dies alles zu erschaffen. Ja, sie waren fleißig – wir sind es ja heute auch. Aber sie hatten neben dem Sonntag am „blauen Montag“ frei. Darüber hinaus gab es über hundert kirchliche Feiertage. Die Reichtümer dieser Epoche sind mit einer Wochenarbeitszeit von vielleicht dreißig Stunden erschaffen worden. Der Kulturhistoriker Egon Friedell hat das Leben an den arbeitsfreien Tagen beschrieben: mit Tanz und Gesang, mit Troubadouren und Geschichtenerzählern, mit Fress- und Saufgelagen. Er hat die üppigen Wein-, Met- und Speisekarten ausführlich zitiert, da läuft einem heute noch das Wasser im Munde zusammen. Die Phase der Hochkultur ging zu Ende, weil die Fürsten gierig geworden waren: Sie haben die Demurrage von zwanzig auf dreißig und mehr Prozent erhöht und die Münzen dann nicht mehr für ein ganzes, sondern nur noch für ein halbes Jahr ausgegeben. Ein solches Geld war nutzlos, die Leute haben es nicht mehr angenommen und sind zum Tauschhandel zurückgekehrt. Das war schwierig und der Handel ist eingebrochen. Das Volk hat „richtiges Geld“ verlangt – Edelmetall – und es auch bekommen. Der Joachimsthaler (später Thaler) aus den Silberbergwerken im böhmischen Joachimsthal wurde geprägt, dessen Wert seinem Metallwert entsprach. Es gab auch Goldmünzen, bei denen der Prägestempel den Materialwert bestätigte. Dieses Geld behielt jeder gern. Es war werthaltig, brauchte nicht mehr ausgegeben zu werden und wurde gern „auf die hohe Kante“ gelegt – die oberen Balken in den Fachwerkhäusern, ein sicheres Versteck. So ist die Wirtschaft vollends zusammengebrochen. Die folgenden Hungersnöte haben Kriege ausgelöst, in denen die Herrscher die Ernte der Nachbarn zu erobern versuchten. Es folgte die düstere Phase des Mittelalters, die unser Bild dieser Zeit geprägt hat." |
|||
|
10-17-2011, 01:50 PM
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10-17-2011 11:15 PM von Manfred Gotthalmseder.)
Beitrag #2
|
|||
|
|||
|
RE: Demurrage, ein gutes Modell der Vergangenheit auf die Gegenwart übertragen
Ich finde Dr. Bergers Initiative großartig. Wir müssen zurück zu einer radikalen Vereinfachung, und wir müssen uns an Systemen orientieren, die über mindestens zwei Jahrhunderte funktioniert haben, denen also kein Zusammenbruch strukturell innewohnt. Ich denke allerdings, dass wir in mehreren Schritten dort hin finden müssen:
Erst muss die Geldschöpfung in Staatshände. Dazu finde ich das Taxos-Modell am spannendsten. Der Staat führt einfach eine Parallelwährung in Form von klein gestückelten handelbaren Steuergutscheinen ein, die an sozial Bedürftige ergehen. Dazu braucht er nicht einmal mit den Banken verhandeln. Wenn wir nicht an dem gleichen Fehler scheitern wollen, der die wirtschaftliche Blüte des Frühmittelalters beendet hat, so ist das System möglichst bald mit einer Gewaltentrennung auszustatten. Durch letztere sind wir über das mittelalterliche Rechtssystem hinausgekommen, wieso sollten wir dies nicht auch beim Geldsystem schaffen. Gewaltentrennung garantiert, dass der Geldschöpfer sich nicht in eigenem Interesse bereichern kann. Der dritte Schritt ist die Auszahlung von Gehältern und die Kreditvergabe der neuen Währung durch den Staat. Ist die Währung in ausreichender Menge im Volk, so kann durch schrittweise Experimente festgestellt werden, ob eine Demurage, oder eine indirekte Abgabe durch Inflation der geeignetere Weg ist, um das Geldsystem als Staats-Einnahmequelle zu nützen. Ziel ist es, das Steuersystem nach und nach zu ersetzen und abzubauen, bei gleichzeitigem Erhalt der Sozialleistungen durch den Staat. Viel Bürokratischer Aufwand, nicht nur im Staat, sondern in allen Betrieben, viele weg. |
|||
|
10-18-2011, 10:03 AM
Beitrag #3
|
|||
|
|||
RE: Demurage, ein gutes Modell der Vergangenheit auf die Gegenwart übertragen
Zitat:Ich finde Dr. Bergers Initiative großartig. Ich auch. Zitat:Erst muss die Geldschöpfung in Staatshände. Jedenfalls die Geldschöpfung, die nicht durch "realen Warenwert" gedeckt ist. Zitat:Dazu finde ich das Taxos-Modell am spannendsten. Der Staat führt einfach eine Parallelwährung in Form von klein gestückelten handelbaren Steuergutscheinen ein, die an sozial Bedürftige ergehen. Dazu braucht er nicht einmal mit den Banken verhandeln. (Wofür) brauchen wir eigentlich Banken? ![]() Zitat:Wenn wir nicht an dem gleichen Fehler scheitern wollen, der die wirtschaftliche Blüte des Frühmittelalters beendet hat, so ist das System möglichst bald mit einer Gewaltentrennung auszustatten. Ohne funktionierende Gewaltentrennung können Sie jeden Rechtsstaat "wegschmeißen". Also auch die Bundesrepublik Deutschland. ![]() Zitat:Ist die Währung in ausreichender Menge im Volk, so kann durch schrittweise Experimente festgestellt werden, ob eine Demurage, oder eine indirekte Abgabe durch Inflation der geeignetere Weg ist, um das Geldsystem als Staats-Einnahmequelle zu nützen. Mir ist es doch hundet Mal lieber, wenn die Gemeinschaft von solchen Experimenten profitiert, als irgendwelche Bankster! |
|||
|
11-04-2011, 11:50 AM
Beitrag #4
|
|||
|
|||
|
RE: Demurrage, ein gutes Modell der Vergangenheit auf die Gegenwart übertragen
Das taxos Modell ist dem Rheingold Modell sehr ähnlich.
Der kleine, aber feine Unterschied: Beim taxos wird von oben Geld geschöpft, die Seignorage erhält "das oben". Beim Rheingold wird von unten Geld geschöpft, die Seignorage erhalten "die unten". Bei einem funktionierendem Gemeinwesen, das wir nicht haben, ist oben - unten schnurz, da identisch. Politisch durchsetzbar sind wahrscheinlich beide Ansätze nicht: taxos nicht mit den Politmarionetten Schäuble, Joschka Fischer usw, die schlichtweg anderen Interessen verpflichtet sind, Rheingold nicht, solange die Begünstigten lieber eine Lösung von oben ausgehend von den Mächtigen wünschen. Lösungen von unten ausgehend haben m.E. die Chance, sich zu funktionierenden Gemeinwesen zu entwickeln, Lösungen von oben, insbesondere bei nicht funktionierenden, weil korrupten Gemeinwesen, wurden bislang immer korrumpiert. |
|||
|
11-06-2011, 04:53 AM
Beitrag #5
|
|||
|
|||
Organisation und Struktur des politischen Widerstands in Deutschland
Zitat:Politisch durchsetzbar sind wahrscheinlich beide Ansätze nicht: Dann sollten wir mal über die Organisation und Struktur des politischen Widerstands in Deutschland nachdenken. |
|||
|
|
Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Suche
Mitglieder
Kalender
Hilfe





